Die erste Harnwegsinfektion kam im September.
Sein Arzt sagte, es hänge mit der Prostata zusammen. Bei Männern kurz vor dem 70. Lebensjahr sei das häufig.
Macrobid. Fünf Tage. Weg.
Richard behandelte es wie einen platten Reifen.
Repariert. Er sprach nie wieder darüber.
Die zweite Infektion kam vier Monate später.
Andere Bakterien.
Der Arzt stellte ihn auf Cipro um – ein Fluorchinolon-Antibiotikum, das von der FDA mit einer sogenannten Black-Box-Warnung versehen ist. Das ist die stärkste Warnung, die eine Behörde für ein Medikament aussprechen kann, das weiterhin auf dem Markt ist.
Cipro beseitigte die Infektion.
Dann zerlegte es meinen Mann.
Über sechs Kilo weniger in zwei Wochen.
Sein Appetit war verschwunden.
Sein Ehering rutschte ihm vom Finger.
Er legte ihn auf den Nachttisch, weil er Angst hatte, ihn zu verlieren.
Danach war er anders.
Nicht nur dünner.
Gedämpfter.
Als hätte jemand in ihm einen Regler heruntergedreht, von dem ich nicht einmal wusste, dass es ihn gibt.
Sein Arzt sagte, er würde sich wieder erholen.
Etwa 70 % kamen zurück.
Die anderen 30 % gingen mit diesen sechs Kilo verloren – und kamen nie wieder.
Die dritte Harnwegsinfektion kam Ende Februar.
Sie begann nicht mit Brennen.
Sie begann damit, dass Richard mich vom anderen Ende des Wohnzimmers ansah und fragte, wann unser Sohn von der Schule nach Hause komme.
Unser Sohn ist 41.
Er lebt in Mannheim.
Er ist seit 23 Jahren nicht mehr „von der Schule nach Hause“ gekommen.
Ich fuhr ihn in die Notaufnahme.
Die Bakterien waren gegen alles resistent.
Fünf Monate Antibiotika hatten sie darauf trainiert, zu überleben.
Intravenöses Meropenem.
Letzte Möglichkeit.
Tag 3.
Die Infektion gelangte in seinen Blutkreislauf.
Blutvergiftung.
Tag 4.
Er wusste nicht mehr, wer ich war.
Er sah mich an und sagte: „Entschuldigung, kommt meine Frau heute noch?“
Ich hielt seine Hand.
Tag 8.
Er hörte auf zu sprechen.
Tag 13.
Die Nieren versagten.
Dialyse.
Tag 17.
Die Lunge füllte sich.
Beatmungsgerät.
Tag 21.
Mein Sohn flog aus Portland ein.
Wir standen in einem Krankenhausflur und unterschrieben die Unterlagen.
Er hielt mich fest, weil meine Beine nachgaben.
Richard löste an einem Sonntag noch Kreuzworträtsel mit Kugelschreiber.
21 Tage später plante ich seine Beerdigung.